Artist Statement

"Ein Bild ist ein offenes Geheimnis."

Maja Bogaczewicz

Kritischer Surrealismus

KRITISCHER SURREALISMUS

Das Motto von Pablo Picasso „Ich suche nicht - ich finde!“ begleitet mich seit der frühen Studienzeit. In meiner künstlerischen Arbeit schrieb ich diesem Satz eine eigene besondere Bedeutung zu. Ein Gemälde ist immer eine Entdeckung und ein offenes Geheimnis für mich - etwas was zugleich ganz klar erschient und sich dennoch der jeglichen Verbalisierung entzieht. Etwas, was auch zugleich etwas anderes ist - zwei oder mehr Dinge, die nicht von einander zu halten sind, gehören jedoch üblicherweise nicht zusammen. Ein solches Bild gibt einen Einblick in die individuelle sowie kollektive Vorstellungskraft und Psyche - es eröffnet einige parallele Zeit- und Bedeutungsperspektiven in die uns unbekannte innere Welten. Diese Art von Wirkung entsteht durch überraschende und ungewöhnliche visuelle Verknüpfungen, aber auch durch Wiederholungen und Dekonstruktionen von Formen, die sich der normalen Logik der Dinge entziehen. Die beschriebenen Zusammenhänge sind öfters mal, wenn ich mit einem neuen Bild anfange, sehr intuitiv und entspringen spontan meiner Phantasie. Manchmal entwickeln sie sich aber erst im Lauf des Schaffens, wie es z.B. beim Bild "Corona-Buddha" war. Im Nachhinein ist es aber so, dass die Assoziationen, die manche Werke hervorrufen auch eine tiefere Sinnesbene besitzen, welche von mir zum Teil geahnt und geplant war, zum Teil ist aber eine unerwartete Ergänzung der ursprünglichen Intuition. Daher ist jedes solcher Bilder ein offenes Geheimnis, welches sich in Schaffensprozess offenbart und eine Bedeutungsebene bekommt. Dies unterscheidet meine Herangehensweise von den Surrealisten der 20-er Jahre. Meine Bilder sind überreal, treffen dennoch auch Aussagen über den Zustand der Gesellschaft und beziehen sich auf reale Ereignisse und Personen (Reihe "Zustand der Dinge" und "Corona-Budda"). Daher würde ich mich selber als eine Surrealistin mit kritischem Ansatz und meine letztere Bilder als kritischer Surrealismus bezeichnen.

Der oben geschilderte Ansatz und Schaffensmethode haben ihre Wurzeln in meiner Kindheit und früher Jugend voller bunten, lebhaften Träume. Sie haben sich seit vor ca. zehn Jahren noch während der Arbeit dem Kunstdiplom im Tiefdruck und beim Schreiben der Magisterarbeit über dem Grenzraum zwischen der Abstraktion und Figuration langsam herauskristallisiert und sind in vielen meiner Ölgemälde zu erkennen (fast alle, die ich Ihnen vorstelle). Damals waren es Bilder mit anspielendem Charakter, die viel mehr Richtung Abstraktion gingen, vielleicht - weil es vorrangig Tiefdrücke waren - wobei aktuell sind die figürlichen Elemente viel stärker präsent, denn diese zu einer viel intensiveren Bildwirkung beitragen. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Verhältnis zwischen dem Abstrakten und Figürlichen sich noch in der Zukunft je nach gewählten Motiven und deren Verbindung dynamisch verändern kann. Ich bin auch offen dafür und neugierig darauf, was mich noch auf diesem Weg noch erwartet. Es erscheint mir auf jedem Fall sehr spannend, das Darstellende noch stärker zu dekonstruieren, ohne es vollkommen zu vernichten und die Bedeutungsebene wegzulassen.

Außerdem meine Malerei verfolgte bisher zwei Wege, die sich subtil durchdringen und gerade zueinander entwickeln. Die erste Richtung bilden abstrakte und figurative Werke, die man als kontemplativ bezeichnen könnte. Diese sehr detailreichen, geheimnisvoll und surreal wirkenden Gemälde werden zum Teil durch meine Auseinandersetzung mit dem Yoga und Meditation inspiriert. Der zweite Weg meiner Kunst fokussiert sich darauf, die verschiedenen Facetten der soziokulturellen Welt zu durchleuchten und beschäftigt sich bisher mit dem Thema Auto und Zeit. Auf eine humorvolle, spielerische Art und Weise bringen diese Gemälde das Verhältnis Mensch-Natur-Technik zum Ausdruck. Ich experimentierte hier mit Kontrasten von verschiedenen Materialien und Oberflächen, dekonstruiere und verblende die Formen, Farbigkeit und Texturen der Objekte, was meine Bilder aus dieser Reihe reliefartig wirken lässt. Man braucht auch eine Weile, um zu erkennen, dass sie mehre visuelle Ebenen haben.

Meine Kunst soll auch ein lebendiges Zeichen setzen, auch wenn eine kritische oder ironische Note dort mitspielt. Sie plädiert für das Leben und die Lebendigkeit, die das Leiden und die Angst mit der Ruhe, Mut und Fantasie überwinden. Zu den Themen, die in meiner Arbeit konsequent wiederkehren (unabhängig davon, ob die Werke abstrakt, figurativ, zwei- oder dreidimensional sind) gehören: Transformation, Wechselwirkung, Vergänglichkeit, Erneuerung, Lebenswille und Freiheit.

Spiel der Gegensätze oder Weg der Mitte?

Abstraktion und Figuration, Plan und Zufall, Innen und Außen, Ruhe und Bewegung, Harmonie und Kontrast, Natur und Technik, Materie und Gedanke, Leben und Tod – es sind die wichtigsten acht Spannungsfelder, die meine Arbeit in ihren inhaltlichen und bildnerischen Facetten am besten bezeichnen. Diese Felder haben sich im Folge eines langjährigen Prozesses herauskristallisiert und beinhalten Themen, die mich seit der Studienzeit beschäftigen, seitdem ich die Möglichkeiten des Tiefdrucks kennengelernt habe. Diese Technik ermöglicht verschiedene Ätzverfahren, die völlig unterschiedliche Wirkung haben, in einer Arbeit organisch sehr zu kombinieren. Meine bewusste Zwiespältigkeit in Bezug auf den Inhalt und die Schaffensmethoden hat Prof. Marcin Pawlowski schon damals so beschrieben:

“At times, the form a picture is culmination of a long and arduous realization process dominated by precision and concentration; at others physical manifestation of a single gesture or choice referring to, for example, a sheer coincidence. However, this duality of attitude, continuously present in Maja Bogaczewicz’s art, confirms and characterizes extraordinary and overriding consistency of her every move”. (Prof. Marcin Pawłowski über die Arbeit „Innere Exercises”, Übersetzung Ewa Duszkiewicz & Casey Jones).

All of the “Inner Exercises” exist on the verge of abstract and realistic thinking (assuming the terms’ conventional meanings). Their strong and often troubling artistic expression stems from, among other things, allusive character of the successive depictions. (…) Every piece of the cycle is capable of bringing the viewer to an exquisite depth of emotional involvement, perhaps even involuntarily drawing him or her into an exploration of the artist´s source of inspiration. (Prof. Marcin Pawlowski, Übersetzung Ewa Duszkiewicz & Casey Jones)

Vergänglichkeit und Transformation – ein Plädoyer für die Lebendigkeit

Wenn ich selber über den Themen nachdenke, die sich konsequent in meiner Arbeit „wiederholen“ bzw. stets wiederkehren, kommen mir die Stichworte wie Wechselwirkung, Transformation, Erneuerung, Vergänglichkeit und Lebenswille in den Sinn. Meine Kunst soll ein positives Zeichen setzen, auch wenn sie kritisch ist. Es ist die Kunst für das Leben und die Lebendigkeit, die das Leiden und die Angst mit der Ruhe und Mut überwinden.

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