Artist Statement

"Das Bild ist ein offenes Geheimnis."

Maja Bogaczewicz

Zwischen den Kraftbildern und kritischem Surrealismus

Der Satz von Pablo Picasso „Ich suche nicht - ich finde!“ begleitet mich seit der frühen Studienzeit. In meiner künstlerischen Arbeit bekam er eine besondere Bedeutung zugeschrieben.

 

Ein eigenes Gemälde ist sehr oft ein offenes Geheimnis für mich - eine überraschende Zusammensetzung von Farben und Formen, die zugleich ganz klar erschienen und sich dennoch der eindeutiger Verbalisierung stets entziehen, weil sie immer wieder aufs Neue gesehen und miteinander in Bezug gebracht werden können. Ein solches Bild ist wie ein blitzschneller Einblick in die individuelle Psyche und den kollektiven Pool an Vorstellungen, Symbolen und Erzählungen. Es eröffnet parallele Zeit- und Bedeutungsperspektiven auf die uns unbekannte innere Welten.

 

Diese Art von Wirkung entsteht nicht nur durch die ungewöhnliche visuelle Verknüpfungen, sondern auch durch Wiederholungen und Dekonstruktionen der Formen, die sich der normalen Logik der Dinge entgegensetzen. Oft stehen verschiedene Elemente in meinen Bildern nicht nur für sich selbst - sie werden  auch zugleich zum Teil von etwas anderem und somit zu einer neuen Einheit. Die Realität nehme ich als eine Art Gewebe wahr - alles beeinflusst sich gegenseitig und geht ineinander über. Die Formen, Farben und der jeweilige Sinngehalt, mit dem sie inhaltlich verknüpft werden können.  In der heutigen schnelllebigen Zeit kann man die Grenzen zwischen den Zeiten, Dingen und inneren Zuständen nicht mehr eindeutig erkennen. Einerseits ist alles zersplittert und höchst komplex geworden. Anderseits alles hängt zusammen und wenn man drüber immer wieder meditiert, fallen viele Sachen zu einem endlosem, faszinierendem Ganzen wieder zusammen. Dieses Erkenntnis gibt einem Kraft und Motivation, die Welt voller Gegensätze und Unsicherheiten mit Anmut anzunehmen und durch das eigene kreative Tun zu einer Veränderung Tag täglich beizutragen.

Die oben erwähnten überraschenden Zusammenhänge sind öfters, wenn ich mit einem neuen Bild anfange, sehr intuitiv und entspringen spontan meiner Phantasie. Es ist wie ein klarer Tagtraum. Manchmal entwickeln sich diese Verbindungen langsam im Lauf des Schaffens, wie es z.B. bei der Reihe "Innere Übungen" oder "Zustand der Dinge" der Fall war. 

 

Im Nachhinein ist es aber so, dass die Assoziationen, die manche Werke hervorrufen, auch eine tiefere Bedeutungsebene besitzen, welche von mir nur zum Teil geahnt und geplant war. Zum Teil ist es aber eine unerwartete Ergänzung der ursprünglichen Intuition. Daher bleiben die meisten meiner Bilder für mich selbst ein offenes Geheimnis, welches sich erst im Schaffensprozess offenbart und verschiedene inhaltliche Facetten bekommt.

 

Dies unterscheidet meine Herangehensweise von den Surrealisten der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Meine Bilder wirken auf dem ersten Blick überreal, treffen aber auch oft "Aussagen" über den Alltag und geistigen Zustand der modernen Gesellschaft. Daher könnte ich mich selber als eine Surrealistin mit kritischem Ansatz und meine letztere Bilder als kritischer Surrealismus bezeichnen, für die noch vieles auf diesem Weg offen ist und offen bleibt.

Der oben geschilderte Ansatz und Schaffensweg haben ihre Wurzeln in meiner Kindheit und früher Jugend voller bunten, lebhaften Träume. Circa vor zehn Jahren, noch während der Arbeit dem Kunstdiplom im Tiefdruck und beim Schreiben der Magisterarbeit über dem Grenzraum zwischen der Abstraktion und Figuration haben sich diese Grundzüge angefangen zu herauskristallisieren und sind in vielen meiner Ölgemälde zu erkennen. Gegen Ende der Studienzeit hatten meine Bilder teils abstrakten, teils figürlichen Charakter, der viel in Richtung Abstraktion ging (vielleicht weil es vorrangig Tiefdrücke waren), wobei aktuell sind die figürlichen Elemente stärker präsent. Ich kann mir vorstellen, dass das Verhältnis zwischen dem Abstrakten und Figürlichen sich noch in der Zukunft je nach Thema dynamisch verändern wird. Ich bin auch offen dafür und neugierig darauf, was mich noch auf diesem Weg noch erwartet. Es erscheint mir auf jedem Fall sehr spannend, neue Möglichkeiten zu finden das Darstellende stärker zu dekonstruieren, ohne es jedoch vollkommen zu zerstören und die Bedeutungebene ganz wegzulassen.

Meine Malerei verfolgte bisher zwei Wege, die sich subtil durchdringen. Die erste Richtung bilden abstrakte und figurative Werke, die man als kontemplativ bezeichnen könnte (die Bildreihe "Innere Übungen" oder "Samadhi"). Diese sehr detailreichen und organisch wirkenden Gemälde werden zum Teil durch meine Auseinandersetzung mit Psychologie, Yoga und Meditation inspiriert. Der zweite Weg meiner Kunst fokussiert sich hingegen darauf, die verschiedenen Facetten des modernen Alltags und deren Symbole zu durchleuchten und setzt sich mit dem Verhältnis Mensch-Natur und Technik auseinander. Ich experimentierte hier mit Kontrasten von verschiedenen Materialien und Oberflächen, dekonstruiere und verblende die Formen, Farbigkeit und Texturen der Objekte, was meine Bilder aus dieser Reihe vieldeutig und reliefartig wirken lässt. 

Meine Kunst im Ganzen betrachtet soll ein lebendiges Zeichen setzen. Sie plädiert für das Leben und die Lebendigkeit, die das Leiden und die Angst mit der Ruhe, Mut und Fantasie überwinden. Zu den Themen, die in meiner Arbeit konsequent wiederkehren gehören: Transformation, Vergänglichkeit, Lebenswille und Freiheit.

Spiel der Gegensätze

Abstraktion und Figuration, Grafik und Malerei, Struktur und Zufall, Ruhe und Bewegung, Natur und Technik, Materie und Intellekt, Leben und Tod – verschiedene Gegensätze bilden Spannungsfelder, die meine künstlerische Arbeit gestalten. Diese Felder haben sich im Folge eines langjährigen Prozesses herauskristallisiert und beinhalten Themen, die mich schon in der Studienzeit beschäftigen und durch die Auseinandersetzung mit der Technik des Radierung eine konkretere Form bekamen. Diese Technik ermöglicht verschiedene Ätzverfahren, die völlig unterschiedliche Wirkung haben, in einer Arbeit organisch sehr zu kombinieren. Meine bewusste Zwiespältigkeit bezüglich der Form und der Wahl der Schaffensmethoden hat  Prof. Marcin Pawlowski damals, als er die "Innere Übungen" beschrieben hat, so zum Ausdruck gebracht:

At times, the form a picture is culmination of a long and arduous realization process dominated by precision and concentration; at others physical manifestation of a single gesture or choice referring to, for example, a sheer coincidence. However, this duality of attitude, continuously present in Maja Bogaczewicz’s art, confirms and characterizes extraordinary and overriding consistency of her every move (...). 

All of the “Inner Exercises” exist on the verge of abstract and realistic thinking (assuming the terms’ conventional meanings). Their strong and often troubling artistic expression stems from, among other things, allusive character of the successive depictions. (…) Every piece of the cycle is capable of bringing the viewer to an exquisite depth of emotional involvement, perhaps even involuntarily drawing him or her into an exploration of the artist´s source of inspiration. (Übersetzung aus dem Polnischen: Ewa Duszkiewicz & Casey Jones)

Bildrechte © Maja Bogaczewicz 2006-2020

© Maja Bogaczewicz 2020